Das alte Spiel

Irgendwie haben wir – „radikale Linke“ in gemischten Zusammenhängen – das so oder so ähnlich doch schon ein oder mehrere Male miterlebt:

Frau* kritisiert Mann* und dessen Strukturen. Mann* lässt Sprüche ab. Frau* bezeichnet Äußerungen/Verhaltensweisen des Mannes* als sexistisch. Eskalation. Mann* reagiert „angefasst“, kontert mit gezielter, schriftlicher Verbreitung persönlicher Diffamierungen. Wasserträger*innen (1) mischen sich nur zu gerne ein.

Frau* verlangt vom Mann* eine Klärung. Mann* weigert sich. Frau* will von der nun schon eingemischten Gruppe eine Außeinandersetzung „solidarisch und auf Augenhöhe“ (wie der Bundesvorstand einer bekannten Anti-Repressionsorganisation das so schön blumig ausdrückte). Nix da.

Stattdessen kommen alte Kumpels aus der Versenkung und die gemischte Gruppe, solchermaßen angeleitet, beschließt qua Definitionsmacht, von Sexismus sei keine Rede.

Schon die Terminfindung dafür findet über den Kopf der sich dagegen explizit wehrenden Frau* hinweg statt, aber angeblich habe es „keine Gegenrede“ gegeben.

Gruppe „übersieht“ Überschreitungen, Diffamierungen. Der Frau* unter vier Augen/Ohren kommunizierte Zustimmungen fallen nicht ins Gewicht oder werden gar nicht mehr in dem Zusammenhang geäußert.
Frau* lässt nicht locker, wird schließlich wegen der durch sie verursachten „Verschlechterung des Arbeitsklimas“ von der Gruppe rausgemobbt. Auch Frauen* wirken gern dabei mit.

Das Verhalten des Genossen* wird in allen Instanzen durchgewunken. Floskeln des Bedauerns werden geäußert.

Der Mann* ist offensichtlich sehr gut vernetzt, quasi „unentbehrlich“ – obgleich seinetwegen immer mal wieder (nicht nur) Frauen* die Gruppe verlassen – und das nicht erst seit gestern.

Nebenwiderspruch.
Ausreden der Genoss*innen wie: „Diese Gruppe bedeutet für mich nur “kleinster gemeinsamer Nenner“. Wenn es meine eigentliche, mir wichtige Gruppe wäre, hätte ich mich anders verhalten…“ finden wir ebenso traurig wie bemerkenswert. Auch Konstrukte wie „ES gibt irgendwie noch sexistische Reste“ fallen auf.

Nützliche Formulierungen und Abwehrmechanismen
Sicher haben wir uns angewöhnt, eine bestimmte Ausdrucksweise zu benutzen, um z. B. Namensnennungen zu vermeiden und so dem Repressionsapparat keine Handhabe zu geben. Das ist sinnvoll und notwendig. Dazu dienen manchmal solche Sprachkonstrukte wie „ES wurde in Stadt X die Aktion Y durchgeführt“.

Dieselben Formulierungen sind aber dann auch wieder sehr brauchbar, um sich dahinter zu verstecken. Der Sprachgebrauch versachlicht die Problematik und entpersonalisiert sie. ES gibt einen Konflikt. Das ES ist weit weg. Gegen das ES kann und muss ich nix machen. ES betrifft sonstwen, aber nicht mich. Also zurück zur Tagesordnung. (Und das kann sich eine beinahe monopolistische Bremer Antirepressionsgruppe offenbar leisten.)

Distanziert „mensch“ sich von eigener Verantwortung? Sind aktive Linke Weltmeister*innen im Kompartmentalisieren (2)?
Oder einfach nur sich hinter dem „wir“ versteckende, ganz durchschnittliche Duckmäuserer*innen (3), die sich qua Szenezugehörigkeit ihren höchst eigenen Persilschein (4) drucken – „Wir sind die Guten!“ – und es daher nicht mehr nötig haben, sowas wie Rückgrat zu entwickeln?

Ist es angenehmer, einfach blind zu glauben, was einer*r über eine andere Person verbreitet, statt selbst mal Augen und Ohren aufzumachen? Oder ist da irgendwo ein klammheimliches Sich-Zuhause-Fühlen in sexistischen Hierarchien? Eine bequeme Abhängigkeit von (viel wissenden, viel machenden, viel bestimmenden) Gruppenchefs*?

Tatsächlich hätte (Konjunktiv!!) die sexistisch angegriffene Frau* mittels bürgerlicher Rechtsmittel (Einstweilige Verfügung u.a.) mehr und rechtzeitigeren Schutz erfahren, als ihr* in ihrer* Gruppe/Organisation zuteilwurde.

Was sagt das über unsere Zusammenhänge aus?

Wie wär’s mal damit, wenn wir mit unseren Widersprüchen arbeiteten?! WIR, nicht ES.

Solidarische Grüße
queerfeministische*gruppe

PS: Sämtliche Emails/Briefe/sonstige Belege zu den erwähnten Vorfällen liegen uns vor. Wir haben uns dagegen entschieden, sie hier zu veröffentlichen.

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(1) Wasserträger*innen = hier: Leute, die sich in Konflikten – manchmal unabsichtlich – benutzen lassen, um die Situation zugunsten einer Partei ins Ungleichgewicht zu bringen.

(2) Kompartmentalisierung (auch Kompartimentalisierung) = unbewusster psychischer Bewältigungsmechanismus.
Aufspaltung von Persönlichkeitsanteilen zur Vermeidung von Konflikten innerhalb der eigenen Persönlichkeit, wenn von außen gegensätzliche Prinzipien einwirken. Eine für die Psyche stressige, weil konflikthafte Situation soll durch diese „Anpassungsmaßnahme“, also durch die Kompartmentalisierung, entschärft werden.
Klischeehaftes Bsp.: Z hält privat flammend-antikapitalistische Reden, leistet dabei Erwerbsarbeit als angepasster, anzugtragender Banker. Kompartmentalisierungs-Trick: „Das eine ist nur der Job, das andere bin ich wirklich…“ Funktioniert – so oder so ähnlich – oft über längere Zeiträume, und zwar für viele Menschen. Hat aber seinen Preis.
Ein Gegenprinzip wäre z. B. Kongruenz (= Übereinstimmung von „Schein und Sein“)

(3) Duckmäuser*innen = Leute, die sich herr-schaftlichen Verhältnissen untertänig anpassen, auf eine eigene Meinung(-säußerung) verzichten.

(4) Persilschein = Unbedenklichkeitsbescheinigung („weiße Weste“ dank Persil-Waschmittel – auch interessant im historischen Kontext der „Entnazifizierung“, der hier aber nicht gemeint ist!)


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