Brief an die Gruppe

„Ein Wort zu meiner Einschätzung von „verschrobener Wahrnehmung“.
Klar ist, dass es eine lang, patriarchale Tradition gibt, widerständige, selbstbewusste, politische Frauen zu psychiatrisieren, als „krank“ oder „hysterisch“ auszusortieren. Das ist so.
Allerdings heißt das im Umkehrschluß ganz sicher nicht, dass es sowas wie „neurotische“, „psychisch angeschlagene“, „verschrobene“, „depressive“ oder „manische“ Frauen nicht gibt. Das ist so.
Ich bin nun mal der Meinung, dass ein Großteil der Vorwürfe gegen mich aus „verschrobener Wahrnehmung“ resultieren. Im Stile einer
self-fulfilling prophecy wird die Feststellung, ich sei Sexist, Politmacker, was auch immer, nun mit „Beweisen“ unterfüttert. Dass ich (als Mann) bei auf solche Art hergeleiteten Vorwürfen nur verlieren kann, liegt in der Natur genau solchen Vorgehens.
Es ist perfide.
Es ist Mobbing!
Entweder, ich vermeide in dieser Sache meine Einschätzung psychischer Ursachen als auslösenden
(sic!) Moment – dann bleibt es m.E. unklärbar, weil meinerseits unehrlich in der Benennung der Ursachen – oder ich benenne sie, dann betreibe ich die „Entpolitisierung“ der betreffenden Frau und damit des Sexismus-Vorwurfs und beweise damit nur eins: Das (im Original mit nur einem S, Anm. d. Verf.*innen) ich – genau! – „Politmacker“ bin… „Sexist“. Ein in sich geschlossener, wahnhafter Kreis.“
Quelle: Brief des Genossen* vom 11.04.2016 an die gesamte Gruppe (Ausschnitt)

Der Genosse* möchte sich ob des Sexismus-Vorwurfs gern als Mobbing-Opfer darstellen. Die in diesem Brief gemeinte Frau* wird durchgänging ausschließlich in der 3. Person erwähnt (=objektiviert). Geschickt eingesetzt wird der Schachzug, verständnisvoll und scheinbar patriarchatskritisch auf Ausgrenzungsmethoden hinzuweisen, um dann denselben Trick anzuwenden.

Abgesehen von in dem hier abgedruckten Ausschnitt enthält der Brief folgende Zuschreibungen:
Psychoscheiß(e) (2x)
verschrobene Wahrnehmung (4x)
krank
Wahn
psychische Probleme (2x)
Behandlung
Diagnose
psychisch angeschlagen

Sich mittels solcher Methoden aus der Kritik zu ziehen und schnell Nachplapperer* zu finden klappt meist gut, da immer irgendjemand dumm genug ist, Abstruses ungeprüft zu übernehmen. Andere schweigen dazu oder nutzen die Gelegenheit, alte Rechnungen zu begleichen. So auch in dem konkreten Fall. Die verleumdete Person* findet trotz Bemühungen, eine ehrliche Auseinandersetzung herbeizuführen, kein direktes Gegenüber, da alle „Kommunikation“ über sie* hinweg statt mit ihr* stattfindet. Das ist Sinn und Zweck der Übung (siehe dazu auch Abschnitt „Silencing“ unten).

Wie bereite ich mich also als kritische Queerfeminist*in künftig auf eine potentielle Auseinandersetzung vor? Vorab ein psychiatrisches Unbedenklichkeitsattest einreichen? Auf Auseinandersetzung verzichten? Letzteres ist genau damit gewollt!


Wir lassen uns nicht zum Schweigen bringen, ausschalten, fertigmachen!
Es ist höchste Zeit, das wir diese sexistischen, menschenfeindlichen Methoden benennen und bekämpfen – in ALLEN Zusammenhängen!

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SILENCING (1)

Niemals akzeptabel. Anderen ermöglichen, Personen zum Schweigen zu bringen, selbst Silencing Tactics (2) anzuwenden oder den Gebrauch von Silencing Tactics nicht anzusprechen sind inakzeptable Verhaltensweisen von „Verbündeten“.

Silencing Tactics sind oft ziemlich einfach gestrickt: Sie sind Methoden, mit denen Dissens (3) erstickt wird.
Stimmen, die sich widersprüchlich zur privilegierten Majoritätsmeinung äußern, werden abgewertet oder behindert.

Sie können Trolling (4), Drohungen, offensive Witze, Verunglimpfungen , gewalthaltige oder einschüchternde Handlungen, das Herausfordern oder Kritisieren des Ärgers der marginalisierten (5) Person beinhalten oder das Verlangen, dass die an den Rand gedrängte Person ihre Methoden (mit denen sie sich gegen Privilegien oder Machtstrukturen wendet) verändert (im Sinne der privilegierten Person) u. v. a. m.

Silencing Tactics zielen auf KONTROLLE ab.

Aus dem Englischen übertragen. Originaltext aus: “Genderbitch” – How To Be An Ally?
genderbitch.wordpress.com/2009/09/22/how-to-be-an-ally/

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(1) „Still machen“
(2) “Stillmach-Taktiken“ = Verhaltensweisen, die dazu dienen, andere zum Schweigen zu bringen
(3) Nichtzustimmung
(4) Diskurs“beiträge“, die sich auf Provokation beschränken und damit vom Thema ablenken – stehen im krassen Gegensatz zur konstruktiv abweichenden Meinung
(5) an den Rand gedrängt